Zweitausendzweihundert wären schön
 
Anlegen oder Spenden? Aufs Sparbuch damit und Warten? Oder Fonds bedienen? Gibt es Hoffnung auf dem Finanzmarkt? Wenn ja, welchen Fonds könnte man empfehlen? Aktien schließe ich als geprägtes Finanzopfer vollkommen aus.
 
Rainer Juriatti

www.juriatti.com

 
 
Vor vielen Jahren saß ich in meiner Bank vor einem Berater, schlürfte Espresso aus einer Logo-gebrandeten Tasse, bewunderte sein smartes Wesen und die tatsächlich mit Gel geglätteten Haare, während ich mein Sparbuch aufblätterte und ihm die stolze Summe von 30.000 Schilling präsentierte, die meine Frau und ich angespart hatten.
 
Seit Wochen hatten wir davon gehört, dass man Geld in Fondsgeschäfte investieren müsse. Außerdem seien Aktien, hatten wir gelesen, die inzwischen einzig legitime Anlageform für junge Menschen, die reich zu werden gedachten. Einzig legitime Anlageform, das klang verlockend. Natürlich wollten auch wir bei den Gewinnern dabei sein, einmal nur diese Straße kennen, auf dem Sieger-Highway ein Stück mitfahren, besonders, da ein Freund von mehr als neun Prozent Rendite in nur einem Quartal gesprochen hatte.
 
Nach einer zweiten Tasse Espresso gab ich dem Smarten das Okay zur Investition von 10.000 Schilling. Kein Fonds, nein, Technologieaktien hieß das Zauberwort. Ich kaufte Handyscheine, die mehr als zwölf Prozent versprachen, schließlich galt es den Freund zu toppen. Als ich die Bank verließ und mich ganz groß dabei fühlte, freute ich mich schon auf die versprochenen Renditen. Wahnsinn eigentlich, dachte ich, so viel Geld fürs Nichtstun.
 
Wahnsinn, ja. Am nächsten Tag nämlich stellte ich fest, dass unser gesamtes Vermögen von 30.000 Schilling in nur einen Aktienanbieter investiert worden war. Sekündlich saß ich vor dem smart Lächelnden und stellte ihn zur Rede, worauf er von „Kommunikationsproblemen“ sprach und gleichzeitig meinte, er empfehle nicht, einen Teil der Aktien heute schon zu veräußern, da der Kurs leicht gefallen sei. Ich solle vertrauen auf ihn und den Markt, er verkaufe zum günstigsten Zeitpunkt, versprochen. Den angebotenen Espresso lehnte ich ab.
 
Wahnsinn, ja. Täglich fielen die Aktien, zwei Wochen nach meinem ruhmvollen Erwerb wurden sie gesplittet, eins zu vier. Einen Monat später folgte der weltweite Technologie-Crash. Erstmals begegnete ich dem Begriff „Börsenei“, der die großen Wellenbewegungen beschreibt, eine Art Reinigungsprozess, von dem die großen Fondsgesellschaften profitieren. Und nur sie, sonst keiner auf dem Highway. Täglich las ich anhand meiner Börsenkurse ab, was der Begriff „bodenlos“ emotional zu bedeuten hat. Der Smarte in meiner Bank war für mich längst schon nicht mehr erreichbar. Bald darauf wurde er in die Zentrale versetzt, nicht aber strafhalber. Auf Basis seiner Neukunden-Abschlüsse hatte er es zum Leiter der Fonds- und Aktienabteilung gebracht. Dankeschön.
 
Sieben Jahre später hatte ich genug vom Studium fallender, dahindümpelnder, aus dem letzten Loch pfeifender Aktienkurse, genug von morgendlichen Schweiß- und Wutausbrüchen, genug von erfolglosen telefonischen Durchstellversuchen zum Smarten, nur um meinem Zynismus Luft zu machen, indem ich ihn zu fragen gedachte, wann denn nun der günstigste Moment sei für ein Veräußern. Ich tauschte das Handy meines Aktienanbieters in ein anderes und veräußerte unsere glorreiche Finanzzukunft. Müßig zu betonen, dass mir bei dieser Transaktionsanbahnung kein Espresso angeboten wurde. 600 Euro bekam ich für mein ehemaliges Vermögen und viele meiner Kollegen von der Siegerstraße der 90-er-Jahre tönten aus verbitterten Kehlen, ich könne noch froh sein darüber. Sie alle hatten verloren.
 
Immer noch plagen mich Albträume, nie bin ich über die Sache hinweggekommen. Als ich vor wenigen Tagen auf einen Mitarbeiter eines Fastfood-Restaurants traf, kam mir die Idee, ihn zu fragen, wie lange er brauche, um 600 Euro auf die hohe Kante zu legen. Ja, ich gehe in Fastfoodrestraurants, nicht in noble Restaurants, während mein Geld für mich arbeiten soll. Der Mitarbeiter überlegte kurz und meinte, so 20 bis 25 Euro monatlich seien schon drin. Mache rund zwei Jahre, wenn nichts schlief laufe. Der Mann räumte ein, er meine damit, wenn seine Frau den nächsten Unterhaltsprozess nicht gewinne, dann sei das zu schaffen.
 
Nun mache ich mich auf den Weg, seine wie meine nicht vorhandenen 600 Euro in Form eines Einmalerlags zu investieren, um in möglichst rascher Zeit die verlorenen 2.180,185 Euro zurückzubekommen. Und, um meinen Schmerz endlich loszuwerden, wenn ich auch über das schmale Grundkapital gar nicht verfüge. Der kleine Mann aber soll und darf nicht ewig der kleine Mann bleiben.
 
Am Schalter eines Bankhauses mit riesiger, einladender Glasfassade stehe ich und warte darauf, dass jemand kommt. Nach Minuten, die sich wie oft in solchen Situationen nach Stunden anfühlen, kommt ein grau Gedresster zögerlich auf mich zu und fragt, ob ich schon bedient werde. Als ich ihm erläutere, worum es geht, bemerke ich, wie schwer es fällt, mein Ansinnen in wenigen Worten zu skizzieren. Als er versteht, dass ich aus 600 Euro so rasch wie möglich 2.180,185 Euro machen will, lächelt er auf eine Weise, die Amüsement signalisiert, gleichzeitig aber auch eine Art abfälliges Bedauern äußert. Das Wort „chancenlos“ steht auf seiner Stirn geschrieben. Dann aber holt er aus und rät mir anhand einer Sparbuchtabelle, „konservativ“ zu investieren. Fondsgeschäfte seien nicht immer rentabel, darüber müsse man sich klar sein. Ich fühle mich plötzlich klein und ärmlich. Er unterbreitet mir ein auf vier Jahre gebundenes Sparbuch mit einer Verzinsung von 2,375 Prozent. Als ich frage, ob er nicht etwas sanft Riskanteres zu bieten habe, schüttelt er den Kopf und sagt, anhand meiner Vorgeschichte sei nichts anderes ratsam, außerdem beginne es erst interessant zu werden, wenn ich eine Null hinter mein verfügbares Kapital zu hängen bereit sei. Ich sage, da müsse ich im Fastfood-Restaurant zehn Jahre arbeiten, bis ich das erspart hätte. Im Verlauf weiterer verzweifelt bohrender Fragen, wie man rasch 2.180 Euro erzielen könne, wird er in seinen Ausführungen immer knapper und meint am Ende, sofern ich finanzielle Probleme hätte, alte Schulden oder so, dann käme natürlich auch ein Kredit in Frage. Ob ich regelmäßig im Fastfood-Restaurant arbeite oder nur aushilfsweise, will er wissen.
 
Bei einer Tasse Kaffee errechne ich für das Sparbuchangebot eine monetäre Rendite von 14,25 Euro im ersten Jahr. Grob, anders bin ich nicht in der Lage weiterzurechnen, bekäme ich bei gleichbleibendem Zinssatz meinen verlorenen Betrag in rund 54 Jahren zurück. Auf dem Weg ins nächste Bankinstitut denke ich an mein Alter in 54 Jahren. Keine Chance, das zu erleben. Ich wolle in Fonds investieren, eröffne ich gegenüber einer jungen Frau an einem Stehpult knapp. Sofort bittet sie mich in eine Box im hinteren Bereich der verwinkelten Schalterhalle. In die Box mit Sichtschutz gezwängt nimmt die sehr junge Frau an einem Glastisch Platz. Sie erinnert mehr an eine Handyverkäuferin denn an einen Finanzprofi. Dennoch lächle ich erwartungsvoll, während sie freudig einen Computerbildschirm in meine Richtung schwenkt. Das Wort Fonds muss etwas ausgelöst haben bei ihr, denke ich, vielleicht glaubt sie, einen kapitalstarken Kunden vor sich zu haben. Und das, obwohl meine Billigklamotten sicher alles andere als Kapitalstärke zeigen. Ich kläre sie über mein Ansinnen auf. Ein wenig enttäuscht meint sie, Fondsgeschäfte seien natürlich schon ab 30 Euro rentabel. Man könne beispielsweise in einen Pensionsfonds investieren, hingegen müsse mir bewusst sein, dass Depotkosten anfielen und die Veranlagung auf mindestens zwanzig Jahre ausgelegt sein müsse. Wichtig sei auch, den Fonds regelmäßig zu bedienen, bei negativen Kursschwankungen könne so das Schlimmste abgefedert werden. Negative Kursschwankungen. Abfedern. Ich sage, dass mir schwarz vor Augen werde bei solchen Ausdrücken, worauf sie fast schnippisch meint, dann solle ich doch einen Bausparvertrag abschließen. Ob sie nun enttäuscht sei, frage ich. Sie sagt nichts darauf. Ob es um Provisionen gehe in ihrer Positition, frage ich. Sie meint, das sei Teil jeden Geschäftes, von Enttäuschung sei keine Rede. Was jetzt sei, fährt sie fort, ob ich etwas abschließen wolle oder nicht. Ich sage, ich müsse mir das gut überlegen, wenn schon Fonds, dann vielleicht etwas Sinnvolles, vielleicht ökologische oder Umweltfonds. Die junge Frau drückt mir einen Stapel Prospekte in die Hand, die ich vor dem Bankgebäude in einen Container werfe.
 
Der nette Herr in einer privaten Finanzberatung unterbreitet mir eine Beteiligung an Photovoltaik-Anlagen. Bei einem Anlagenertrag von mehr als 1.010 Kilowattstunden pro Jahr, sagt er, werde eine Verzinsung von 7,5 Prozent versprochen. Ich verstehe kein Wort, doch zu fragen wage ich nicht. Überschlagsmäßig errechnet er eine Laufzeit von 17,5 Jahren bis zur ersehnten Kapitalsumme. Wo das Problem liege, frage ich, das klinge alles sehr attraktiv, müsse also einen Haken haben. Da gebe es keine Probleme, meint der Mann, Photovoltaik sei die Zukunft. Die Summe allerdings müsse 20 Jahre gebunden werden, das Geld müsse ja arbeiten für mich. Als er mir einen Hochglanzprospekt vorlegt, lese ich von einer mir vollkommen unbekannten Privatfirma. Als er mein Stirnrunzeln bemerkt, meint er, ich solle ihm vertrauen, es handle sich hier um ein kleines Unternehmen. Als ich zweifle, ob es Photovoltaik in 20 Jahren noch gibt oder gar diese Firma sagt er, das könne natürlich niemand wissen, doch ohne Risiko sei es nicht möglich, 600 Euro effizient anzulegen. Während seine Assistentin Kaffee serviert, sind wir mit unserem Finanzgespräch am Ende.
 
Abends gebe ich den Begriff „600 Euro“ in eine Suchmaschine ein. Sofort fällt mir die Schlagzeile „Bekommt bald jeder Deutsche 600 Euro?“ ins Auge. Den Artikel lese ich nicht. Allerdings frage ich mich, was wohl wäre, wenn jeder geschiedene Fastfood-Restaurant-Mitarbeiter 600 Euro bekäme. Und dieser Impuls wiederum führt mich zur Frage, was man mit 600 Euro Gutes tun könnte. Ich erweitere meinen Suchbegriff um „Helfen mit“. 4.390.000 Möglichkeiten werden augenblicklich geboten. Ich beginne, mich einzugraben unter Hilfsangeboten.
 
Einen Heizkörper kann ich bei der Caritas schenken. Mein Nachbar wohnt in einem Abrisshaus, ohne Heizung. Ihm also, verspricht die Homepage, könnte geholfen werden durch Heizkostenzuschüsse, die seinen Holzofen zwei Wochen befeuern. 30 Euro kostet die Sache. 20 Familien also wäre mit 600 Euro geholfen. Oder 40 Wochen Wärme für den Nachbarn. Hätte ich meine 2.180 Euro noch, wären es in Summe 72 Familien oder 144 Wochen.
„Was braucht ein Kind, um heute glücklich aufwachsen zu können?“ fragt die SOS Kinderdorf Homepage. Schon mit 15 Euro monatlich kann ich ein Kind unterstützen, verspricht der Werbetext. 40 Monate macht das. Mehr als drei Jahre wäre einem Kind in einem der Kinderdörfer geholfen.
Sir Roger Moore lächelt mir entgegen, aus einem Lehnstuhl unter romantischer Leselampe. „Werden Sie Unicef-PartnerIn“, sagt er in anständig Gender-Sprache. „Regelmäßig spenden“ klicke ich an und lande bei der Botschaft „Retten Sie Kinderleben, schenken Sie Zukunft – mit nur 10 Euro pro Monat.“. Leider hält mich der Button „hier anmelden“ davon ab, weiter zu klicken. Links oben entdecke ich dann doch einen Begriff, der Information verspricht. Traurige Kinderaugen blicken mir entgegen und ich erfahre, dass Unicef für Kinderrechte kämpft. Ähnlich anderer weltweiter Organisationen werden hier Brunnen gebaut, wird Schulbildung ermöglicht, werden Rechte eingefordert und werden Menschen durch Saatgut dazu befähigt, für sich selbst zu sorgen. Dazu kommen Krisen- und Katastrophenhilfe. Seufzend schalte ich den Computer aus.
 
Ich wünschte mir tatsächlich eine Null hinter meine 600 Euro und rufe einen alten Freund an, der sich sehr für die Finanzpolitik interessiert. Als ich ihn frage, was ich in meiner verzweifelten Situation machen solle, meint er „die Finanzkrise der EU ist nur das Ergebnis eines fast schon traditionellen Widerspruchs zwischen der europaweiten Wirtschaftsentwicklung und den nationalen Interessen der einzelnen Staaten“. Toll, meine ich, worauf er sagt, er wolle mir die Sache ganz einfach an Joschka Fischer erklären. Der nämlich habe gefordert, die Verteidiger nationaler Interessen institutionell zu stärken und schon Robert Menasse habe festgestellt, dass das eine Schande sei für einen, der früher immer international gedacht habe. Erneut hauche ich ein „toll“ ins Telefon, doch mein Freund fährt unbeirrt fort: „Früher hat der Grüne gegen so eine Politik aggressiv protestiert und später ließ er Bomben auf Belgrad werfen“. Europa ist nicht mein Problem, sage ich, die 600 sind es. Konkret, meint er, könne er mir nicht helfen, es sei aber schön gewesen, wieder mal zu telefonieren.
 
„Nimm die 600 Euro“, antwortet der Mitarbeiter einer Consultingfirma, den ich am nächsten Morgen auf der Straße treffe und inzwischen desillusioniert nach einem guten Anlagetipp frage. „Nimm den Mann aus dem Fastfood-Restaurant und mich und geh mit uns fein essen“, lacht er. Als ich mein Angebot kopfschüttelnd auf 50 Euro pro Monat, also jährlich 600 Euro erhöhe, nur, um mein Geld nicht auf ein Sparbuch legen zu müssen und 54 Jahre zu warten, meint er, Fondsgeschäfte und Aktienkauf rentiere sich erst ab einer Summe von rund 10.000 Euro jährlich. Außerdem seien 600 Euro auf einem Sparbuch an sich ja eine Spende. „Wenn du Glück hast“, erklärt er, „gibt man dir zwei bis zweieinhalb Euro Zins, die uns vorgegaukelte Inflation beträgt aber weit mehr als drei Prozent, also machst du mit Sicherheit eineinhalb Prozent Verlust jedes Jahr. Zugleich aber erhöhen die Banken die Guthabenzinsen, um Geld zu lukrieren, das der Sanierung der maroden Situation dient“. Also, begreife ich, mache ich mit jedem Euro auf dem Sparbuch eine Spende an den europäisch toten Finanzmarkt. „Ja“, sagt er, „eine Spende an das Bankinstitut“.
 
Nachdem wir uns verabschieden, gehe ich meines Weges und sende eine SMS an eine Bekannte ab, die in einer Versicherung arbeitet. Wenige Minuten darauf schreibt sie mir, in ihrem Unternehmen gebe es kein Produkt, womit mein Ziel erreichbar sei. Das Problem sieht sie im geringfügigen Betrag, den ich ihr anbiete. Ihr Kollege aber recherchiere noch im Internet. Da war ich auch schon, denke ich und schreibe ihr, sie solle mir irgendetwas anbieten, ich sei verzweifelt. Wenige Minuten darauf lese ich: „Wir sind für Roulette, damit hat man die größte Chance, sonst sind die rund 2.200 Euro nicht wieder zu bekommen. Nicht mit großer Sicherheit, nur mit Risiko“. Ich frage per SMS nach, was ich für 600 Euro bei ihr bekommen könnte. Anstelle einer Antwort schreibt sie nur, ich solle eine alte Vespa kaufen, diese restaurieren und dann wieder verkaufen. Keine schlechte Idee, denke ich, aber keinesfalls meine Intention, da ich ja Geld für mich arbeiten lassen will.
 
Abends bekomme ich überraschenderweise eine SMS vom Mitarbeiter der Consultingfirma, in der er mir erklärt, ich könne die 600 Euro wie vorgeschlagen ausgeben oder aber, schreibt er, „du tätigst ethische Investments, dann machst du etwas gesellschaftspolitisch Sinnvolles und hast damit eine langfristig angelegte Renditemöglichkeit“. Was für ein Gedanke, denke ich, zwei Fliegen auf eine Klappe.