tesekkür ederim

Ich könnt ja mal anrufen

 

Der Bludenzer:

Ich habe irgendwann damit begonnen, über Abdul Amed Abesam zu schreiben. Eine fiktive Person. Der Wortklang seiner nur vermeintlichen Identität war zu verlockend. Abdul Amed Abesam. Ali Ekber Akgün hingegen ist tatsächlich existent. Er wohnt ganz in der Nähe von Arlan Nurey und Arlan Süleyman. In Bludenz. Ihre Namen sind ebenso wohlklingen wie jener des nicht existierenden, also frei erfundenen und mir doch so vertrauten Abdul Amed Abesam. Ich weiß nichts über Ali Ekber Akgün, nichts über Arlan Nurey und Süleyman. Nur, dass sie Telefon haben. Ich könnte sie sofort anrufen, um sie kennen zu lernen.

 

Die Türkin:

Ich kenne Arzberger Albin. Manchmal wird über ihn in der Zeitung geschrieben. Er ist politisch interessiert und ich weiß, dass er Häuser plant. Neben seinem Telefon steht ein Fax, da könnte ich ihm jederzeit meine Identität schriftlich geben, weil manchmal sind unsere fremd klingenden Namen ganz schön schwierig zu schreiben. Auch Asamer Hans-Werner ist mir nicht unbekannt. Er ist Doktor und hilft, wenn an ihn braucht. Seine Assistenz bekommt sicher oft unsere Namen buchstabiert. Das hilft. Außerdem ist auch Herr Abraham in Bludenz daheim. Ich möchte ihn fragen, wie es sich lebt mit einem biblischen Namen.

 

Der Bludenzer:

Griffe ich jetzt zum Telefon, ich könnte sofort einen der neun Atalays in Bludenz erreichen. Atalay Bayram zum Beispiel. Er wohnt nicht weit. Sein Name klingt, als wäre ich irgendwo im Urlaub. Atalay Bayram hat einen Festnetzanschluss und drei mal, man stelle sich das vor, drei mal kann man mit Atalay Bayram über Mobilfunk sprechen. Kaum möglich, dass das nicht auf Anhieb klappen würde. Atarlar Kadri, ganz in der Nähe von Ali Ekber Akgün und den Arlans daheim, hat auch zwei Handys. Würde mich interessieren, warum. Ates Mustafa, der auch in der gleichen Gegend wohnt, greift zum Festnetz. Ich rufe keinen der Erwähnten an. Was soll ich schon sagen? Hallo, hier bin ich? Lass hören, wer bist du? Ich nehme mein Skript und lasse den erfundenen Abdul Amet Abesam in einem Ghetto wohnen. Atarlar, Arlan, Ali Ekber und Ates wohnen ja auch in der gleichen Straße.

 

Die Türkin:

In meiner Straße, ich glaube, die Alteingesessenen sagen, im Viertel, fühle ich mich sehr wohl. Es ist mein Zuhause. Und die Leute, die hier wohnen, beruhigen mich, weil ich jeden Tag, wenn ich aus der Straße raus muss zur Arbeit, an jeder Ecke dieses komische Gefälle spüre: hier die Bludenzer, da wir. Ich würde mir zum Beispiel nie erlauben, einfach so auf einen zuzugehen. Also, echt auf jemanden einzugehen. Zum Beispiel, jemanden anzurufen. Herrn Augustin vielleicht. Oder die Familie Aznach. Oder Atzmüller Bernd, der auch schon in der Zeitung war und über drei Telefone erreichbar wäre. Niemals würde ich mir erlauben, einen von ihnen zu belästigen. Da können sie tausend Telefone haben. Es gehört sich nicht, wenn man sich aufdrängt.

 

Der Bludenzer:

Manchmal warte ich darauf, dass das Telefon klingelt und mich Aydin Elif oder Aydin Reyhan einfach so anrufen. Einfach so. Schließlich haben sie vier Telefone und könnten auf einem davon meine Nummer wählen. Oder Ayhan Fadil und Ayhan Hakki. Sie haben zu zweit zwar nur drei Telefone, doch das Wählen wäre das selbe. Dass sie auf mich zugehen, wäre doch nur normal: sie kommen in unser Land und dann rufen sie nicht mal an.

Im Grunde genommen habe ich als italienischstämmiger Bludenzer sowieso eine besondere Affinität zu italienischen Namen. Andreoli Christiano zum Beispiel, er hat gemeinsam mit Andreoli Michele auch drei Telefone. Die könnte ich einmal anrufen. Oder Andreatta Andrea - ich weiß dabei nicht, ob Andrea Weiblein oder Männlein ist - sie, ich sage einfach sie, ist eine der sieben Andreattas im Bludenzer Telefonbuch und hat drei Apparate. Ich schreibe weiter an der Geschichte von Abdul Amed Abesam und rufe keinen an. Wozu auch? Was habe ich im Grunde genommen zu schaffen mit den Landsleuten von früher?

 

Die Türkin:

Wenn man mir sagt, oder besser noch, über die Zeitung ausrichten lässt, ich solle mich integrieren, dann weiß ich nichts damit anzufangen. Was soll ich tun? Ich gehe jeden Tag aus dem Haus, gehe meiner Arbeit nach, besuche Freunde, kaufe ein, wasche mich, esse, schlafe, trinke Tee und sorge mich um die Familie.

Gut: Ich könnte ja einen der zehn im Telefonbuch registrierten Amanns anrufen. Aber seien wir uns ehrlich: sie würden ganz schön erschrecken, wenn da eine Türkin anruft und sie vollquasselt. Oder ich kaufe mein Brot morgen nicht bei Akgül Smsettin am Bahnhof, sondern beim Auer. Und dann frage ich, sozusagen als Draufgabe: was soll ich tun, um besser integriert zu sein? Helfen Sie mir! Nein, im Ernst, was könnten die Auers mir raten, oder die Amanns, nur, weil von uns kollektiv Unmögliches verlangt wird und komische Ansprüche ständig über die Zeitung ausgerichtet werden?

 

Der Bludenzer:

Im Ernst. Ich würde ja nie Acar Cemal, Acer Ümühan, Akar Gökhan, Akgül Gürsel oder Akbiyik Yasar einfach so anrufen. So, wie ich weder auf Avanzini Gundis oder Agostini Agnes zugehe, so, wie ich nicht mal auf die engsten Nachbarn zugehe, muss ich nicht auf die Türken in ihrem Viertel zugehen. Es reicht schon, wenn ich manchmal bei Akgül Semsettin reinschneie und eine Dose Feigen mitnehme. Die mische ich dann mit Wodka aus dem Heimatland der Brüder Andrejic Branislav und Tomislav, die auch im Türkenviertel wohnen und ziehe mich in mein geistiges Ghetto bei Abdul Amed Abesam zurück. Man kann, man darf und soll mir das Unerfüllbare nicht abringen.

 

Die Türkin:

Unmöglich. Man kann das Unmögliche nicht einfordern. Wie bitte soll ich wissen, wie man auf Frau Aberer, Frau Adam, Herrn Aberer, Frau Alge zugeht. Nehmen wir die Angst. Frau Angst. Sie wohnt ziemlich zentral und hat ein Telefon. Die werde ich nicht einfach so anrufen. Das geht eindeutig zu weit.

 

Der Bludenzer:

Ich respektiere Altintas Erdal auch, ohne dass ich ihn anrufe.

 

Die Türkin:

Ich respektiere Amtmann Willibald.

 

Der Bludenzer:

Und ich Arife Sukri. Wohnt auch in Bludenz.

 

Die Türkin:

Und ich habe nichts gegen die Angerers.

 

Der Bludenzer:

Ich nichts gegen Atakan Türk.

 

Die Türkin:

Und ich nichts gegen Andreas Josef Wallis.

 

Der Bludenzer:

Nur ein Minarett dürft ihr keins bauen.

 

Die Türkin:

Und ihr keinen Kirchturm in der Türkei.

 

Der Bludenzer:

Dankeschön. Wie heißt das auf Türkisch?

 

Die Türkin:

Tesekkür ederim.

 

Der Bludenzer:

Tesekkür ederim.

 

Die Türkin:

Bende tesekkür ederim.

 

(erschienen im VN-Feuilleton im Jänner 2008)