Spätabendlicher Dialog

von Rainer Juriatti, www.juriatti.com

 

 

Spätabends geht er kurz online, da er dieses eine Bild aus dem rund 100 Portraits umfassenden Katalog der Künstlerin unbedingt noch braucht und schon ziemlich unter Druck ist seitens der Redaktion, ihr Beitrag soll zeitgerecht fertig werden.

 

Er an sie (sie ist online, man kann es erkennen am grünen Button):

Erbitte das ausgewählte Foto in guter Auflösung bis morgen – Montag muss ich in die Layoutabteilung, da will ich nicht mehr den Dingen nachrennen müssen, geht das? Ganz lieben Gruß.

 

Sie an ihn:

Welches? Ich schicks dir per Mail.

 

Er an sie (ignorierend sein Unverständnis, wie sie nun so etwas fragen kann):

Hab dir eines der ausgewählten Bilder in kleiner Auflösung gesandt gestern. Danke.

 

Sie an ihn:

Ich hab seit zwei Tagen kein Internet, kein Handy, aber ich schaue in meinen Mails nach, du könntest mir die Sache erleichtern.

 

Er an sie (ignorierend seinen Groll, dass die Künstlerin so ungeschickt lügt):

Interessant, wir hatten gestern Kontakt via Email…

 

Sie an ihn:

Aber ich suche das Bild auch gerne raus – hey, kack mich nicht an, ich habe seit gestern 14 Uhr kein Internet mehr.

 

Er an sie (ignorierend seine Wut über die unangebrachte arrogante Floskel):

Ich bekomme auch per Mail immer Fehlermeldungen von deinem Account, hab ich dir auch schon mal geschrieben…

 

Sie an ihn:

Du stocherst grad in einer Wunde herum, hör auf!!!

 

Sie noch einmal an ihn, Sekunden später:

DU SOLLST DAS JETZT BITTE LASSEN!!!

 

Er an sie (ignorierend seine Irritation, angeschrien zu werden):

Verzeihung.

 

Sie an ihn:

Ich komme nicht mal in meine Wohnung hinein.

 

Er an sie (ignorierend auch sein aufkeimendes Unverständnis, angeschrien zu werden):

Warum?

 

Sie an ihn:

Trag Klamotten von fremden Menschen.

 

Er an sie (ignorierend seinen seine aufkeimende Wut über die Wortwahl der Künstlerin):

Hey, was ist los?

 

Sie an ihn (in einer Art Tirade – halbsekündlichen Intervalls)

Und meine Laptops sind in meiner Wohnung eingeschlossen

JA LIES HALT AUCH MAL!!!!!

Bevor du mich anmotzt!!!

Echt!!!

Also ich bin jetzt in einer fremden Wohnung!!!

 

Er an sie (nicht mehr ignorierend seine traurige Wut, von dieser Frau – schlicht eines Fotos wegen, auf das sie ihn ewig warten lässt, so, wie sie ihn auf alles ewig warten lässt und ihn von oben herab behandelt seit Tagen – auf diese schäbige Weise angesprochen zu werden):

Kack du mich jetzt nicht an, okay? Ich habe ja gerade gefragt, was los ist!

 

Sie an ihn (fortsetzend die Tirade – halbsekündlichen Intervalls):

An einem fremden Computer.

Und lös das Problem so schnell wie möglich.

Les morgen meine Mails.

(Bei dieser Zeile denkt er an grammatikalische Korrekturen.)

Und schicke das Foto per Email in hoher Auflösung.

Also bis morgen dann.

Ich kümmer mir drum.

 

Spätabends geht er offline, enttäuscht und verletzt, was glaubt die Künstlerin? Das Leben ist kein Theater, denkt er. Betrunken wird sie gewesen sein, denkt er und weiß, dass er nicht vergessen wird können, was sie ihm schrieb.

„Schreiben ist anders“, sagt er deshalb zu seiner Frau, „viel definitiver als ein gewöhnlicher Streit, verbal, von Angesicht zu Angesicht“.

„Es gab keinen Grund“, antwortet seine Frau ruhig, „dich anzuschreien. Ist es verboten, ein Bild einzufordern, ein Bild, das ihrem Artikel dient? Fiele mir ein Arm ab, grad in dem Moment, da du was brauchst von mir, fiele er mir ab und kugelte in die Dunkelheit des Kanals, ich würde dir einhändig zurückschreiben, jetzt bitte nicht, mir ist grad ein Arm abgefallen. Das nennt man Anstand vielleicht“. Während er lacht, ergänzt sie: „Und ich wüsste, du würdest kommen und mir helfen, meinen Arm zu suchen.“