Emirhan das Königreich

 

Integration. Gefordert, erbeten, gewünscht. Politisch und religiös diskutiert, wenig ausformuliert und dennoch mit zahlreichen Phantasien belegt. Gerne wird Integration mit Assimilation verwechselt, ebenso wird sie stets vom Anderen eingemahnt. Begegnung mit Emirhan, dem dreijährigen Muslimen, in katholischen Mauern.

 

Unauffällig die Einladung zum Christlich-Muslimischen Forum, einer Begegnung zweier Religionskulturen in einem katholischen Pfarrzentrum. Zunächst in der Kirche. Ein wenig neugierig gehe ich hin, im Grunde genommen eingestellt auf schöne Ansprachen, Bekenntnisse, vielleicht Wunschäußerungen. Während ich den Rednern zuhöre, streift ein kleiner Junge durch den Mittelgang. Ich begrüße Emirhan, so heißt er. Mit einer unauffälligen Handbewegung. Er schaut mich skeptisch an, klammert sich an seine Limoflasche. Die Mutter gibt ihm zu verstehen, er müsse hier ruhig sein. Es kümmert ihn - für ein paar Minuten. Dann wieder geht er durch die Bankreihen, schaut sich alles genau an.

 

Ümran, so die Mutter, ist in Vorarlberg geboren, aufgewachsen in einer Betriebswohnung in Dornbirn. „Wir hatten nur ausländische Nachbarn“, sagt sie. „Nur einen Inländer. Erst in der Hauptschule habe ich deshalb so richtig Deutsch gelernt.“ Ümran ist heute 28 Jahre alt und hat selbst zwei Kinder. Mit Emirhan spricht sie Deutsch. Die Familie redet Türkisch mit ihm. Ihren Mann hat sie bei einem Urlaub in der Türkei kennen gelernt. 2001 haben sie geheiratet. Sie leben in Dornbirn und er arbeitet – als gelernter Goldschmied und Autoelektriker – weit unter seinen Kenntnissen im Schichtbetrieb einer großen Firma. „Seine Arbeitskollegen sind fast alles Migranten“, sagt Ümran, „da ist das mit der Sprache ein Problem. Wir haben gemeinsam einen Deutschkurs besucht und heute kann mein Mann seine Behördengänge und Arztbesuche ohne Probleme allein absolvieren“. Ümran selbst arbeitet während ihrer Karenz ehrenamtlich als Dolmetscherin für andere Migranten, für jene, die noch sprachliche Probleme haben.

In der öffentlichen Diskussion um Integration von Migranten wird oft von Ghettoisierung gesprochen. Von Parallelgesellschaft. Ümran, die Dornbirnerin, hat sich bemüht, einen „inländischen“ Nachbarn einzuladen. Mehrmals. Er ist nicht gekommen. Zu viele Hürden scheint es zu geben, im Aufeinander-Zugehen. In der offiziellen Begegnung im Pfarrzentrum hingegen klappt es. Zwischen Emirhan und mir zumindest. Er zeigt mir stolz ein Glas mit Apfelsaft und hält es mir schließlich entgegen. Ich solle trinken. Wir teilen einen Schluck. Emirhan. Sein Name kommt aus dem Koran. Salopp übersetzt heißt er „das Königreich“. Tage nach unserer Begegnung kann ich ihn immer noch nicht vergessen. Sein fröhliches Wesen, seine offenen Augen. Ein Königreich. Ich mache mir Sorgen, dass er in jener Stimmung, die kollektiv vorherrscht, stark verändert werden wird.

 

Ich stelle mir vor, wie wir uns in zehn, 15 Jahren begegnen. Vielleicht blicke ich dann in abfällige, skeptische, ängstliche, ja möglicherweise hasserfüllte Augen. Wie schade, wie traurig, wie grausam das wäre. Ümran beruhigt mich. „Jugendliche aus Migrantenfamilien haben heute viel mehr Kontakt als wir noch hatten. Das wird immer besser. Was heute vielleicht noch zaghaft passiert wird in zehn Jahren Alltag sein. Emirhan und meine Tochter Sena werden Integration ganz anders erleben, als mein Mann und ich“. Sagt sie, während sie einen Platz in einer Spielgruppe sucht. Die Wartelisten sind lang.

 

Angesprochen auf ihre eigene Erziehung meint sie: „Ich bin kulturell geprägt, aber ich darf als Österreicherin mit türkischen Wurzeln meiner Herkunft auch treu bleiben, ohne gegen die Regeln des Ortes, an dem ich lebe, zu verstoßen. Als ich vor der Entscheidung stand, ob ich ein Kopftuch tragen soll oder nicht, da dachte zu Beginn, ich wolle es nur dort tragen, wo es andere nicht stört. Doch dann erkannte ich, dass ja ich es bin, der das Kopftuch trägt. Dass ich tun muss, was ich denke, das richtig ist. Nicht die anderen. Und seit damals trage ich mein Kopftuch.“

 

Ümran diplomierte zur Krankenschwester. Mit Kopftuch. Sie hatte gute Noten. Alle waren zufrieden mit ihr. Schon davor ist ihr Weg nicht zu unterscheiden von gewöhnlichen Vorarlberger Wegen. Volks- und Hauptschule, Handelsschule. Zunächst Pflegehelferschule, dann Diplom. Wie erwähnt zwei Kinder. Die politische, jüngst auch religiös geführte Diskussion sieht sie gelassen. „Ich fühle mich nicht angegriffen, weil ich überzeugt bin, dass meine Religion nicht so ist, wie sie in den Medien dargestellt wird. Das sind Meinungen Einzelner, die meine Religion nicht kennen. Da wird viel Unmut geschürt. Ich tue niemandem etwas. Alle, die ich kenne, tun niemandem etwas. Und das Wichtigste: ich lebe meine Religion für mich, nicht für andere. Ich muss nicht darauf verzichten müssen, um zu gefallen. Deinen Glauben kannst du dir nicht aussuchen. Da wirst du hineingeboren.“

 

Was wir heute in der öffentlichen Diskussion säen, ernten wir in einer, zwei Generationen. Wenn ich eingeladen werde von Ümran und gehe nicht hin, dann trage ich meinen Teil dazu bei. Zum Misslingen. Wenn ich fordere, dass Ümran ihren Glauben verleugnen, gar aufgeben soll, dann trage ich dazu bei. Zur Verlorenheit. Wenn ich Ümran auffordere, ihre Kinder der türkischen Sprache zu entziehen, dann trage ich dazu bei. Zum Vergessen. „Politisch“, sagt Ümran, „wird seit 30 Jahren diskutiert“. Sie lacht. „Es wird sicher noch weitere 30 Jahre diskutiert werden. Aber vielleicht haben dann die Politiker eine türkischstämmige Schwiegertochter und diskutieren anders als heute“.

 

Beim Verlassen des Pfarrzentrums, beim Verabschieden von Emirhan, erinnere ich mich an die Geschichten meines Großvaters, eines integrierten Trentiners. Seine Geschichten, die er mir vor 35 Jahren erzählte ähneln sich sehr den Geschichten Ümrans. Und haben zur Akzeptanz der Trentiner geführt. Ein Hoffnungsschimmer.

 

(erschienen im Juni 2008 in der Zeitschrift „Familie“)