Wie man leben soll

Roman von Thomas Glavinic

 

Von Jana habe ich einen Buchgutschein bekommen, das war der Anfang zu diesen Zeilen sozusagen. Bin in Folge natürlich gesurft auf jener Homepage, für die der Gutschein ausgestellt war. Einfach nur, um den Gutschein zu brauchen. So stieß ich auf „Wie man leben soll“ von Thomas Glavinic, womit Janas Gutschein eingelöst war.

Ich mag den Autor, das sind keine leeren Worte. Ich genieße sein Schreiben sehr, um Einiges zu nennen sein Buch „Die Arbeit der Nacht“ zum Beispiel (hat mich total gefesselt, dieser Roman); „Das Leben der Wünsche“ zählt zum Besten, was ich in den letzten Jahren lesen durfte; sein bereits 2001 erschienener „Kameramörder“ gefiel mir, da dort – so meine ich – die sprachliche Unfertigkeit noch zu spüren war. Naja, alles in allem fasziniert mich dieser österreichische Autor sehr. Nun, auf der Fahrt aus seiner Geburtsstadt in die meine las ich ein weiteres Werk des Grazers: „Wie man leben soll“.

 

Der Inhalt ist einfach, in wenigen Worten erzählt: Charlie Kolostrum (man sinniere ausführlich über diesen Namen) ist jung. Auf sich gestellt. Sehnt sich natürlich nach Liebe. Nach Erfüllung, auch nach Ruhm und Ehre, das besonders. Lebt auf sich gestellt, da die Mutter alkoholabhängig und promiskuitiv ausschließlich immer nur auf sich selbst zurückfällt. Also: Charlie, jung, geht ins Leben. Entwickelt seine eigene Philosophie (mit Zuhilfenahme von Lebensberatungsbüchern), wie dies zu bewerkstelligen ist. Als Leser folge ich ihm und folge ihm und folge ihm. Lache, leide und weine mit dieser Figur. Oft habe ich beim Lesen an meinen Sohn gedacht: so also sieht er uns, die Alten, die Erwachsenen.

 

Besonders an diesem Buch ist die sprachliche Aufmachung, die Erzählweise, nicht zuletzt die Struktur. Sprachlich: Glavinic versetzt sich – das mag ihn meinem eigenen Schreiben so nah machen – in die Figur des Charlie hinein, erzählt alles „aus ihm heraus“ und entführt mich dadurch glaubhaft und auf das höchste amüsiert in die Welt junger Menschen der Achtziger-/Neunzigerjahre. Wobei mein Amüsement nicht das seine ist. Alles ist in höchstem Maße tragisch bei diesem Charlie, alles geht immer wieder irgendwie schief. Struktur: Hochgenüsse sind in diesem Roman jeweils in kursiver Schrift zu finden. Wann immer Charlie uns eine Episode erzählt hat, folgt sein „Merke:“ – womit er seine schlichten, lachhaften, manchmal auch schönen Lebensweisheiten an das Erfahrene anschließt – wodurch sich der Kreis schließt, siehe: Lebensberatungsbücher.

 

Glavinic reflektiert Vieles: die Zeit um Tschernobyl, den Aufbruch des Buchmarktes hin zu Sachbüchern, die keiner braucht (versus philosophischer Bücher, die das Leben ebenso zu erklären versuchen), das Gefühlsleben Jugendlicher, nicht zuletzt die vielleicht allgemein gültige Welt im Erwachsen-Werden und damit die Frage „Wie man leben soll“. Und dies alles anhand einer traumhaft gelungenen Romanfigur, des Charlie Kolostrum.

 

Ein Buch, summa summarum, von dem ich mir  beim Lesen ständig wünschte, es hätte nicht jene schlanken 239 Seiten, sondern dauere ewig an.

 

Wie man leben soll

Thomas Glavinic

dtv, 239 Seiten, Taschenbuch

9,20 Euro

www.dtv.de