Der in Zagreb beheimatete Miro Gavran, Autor des 167-Seiten Romanes „Pontius Pilatus“, ist Jahrgang 1961. Allein seinem Werk widmet sich das jährlich in Budapest stattfindende Theaterfestival „Gavranfest“. Eine bemerkenswerte Tatsache, finde ich, gemessen an seinem Alter. 1999 wurde ihm der Preis des besten mitteleuropäischen Schriftstellers verliehen.

 

Altbekannte Geschichte

 

All dies genügt nicht, um ein Buch gut zu finden. Jede neue Arbeit bedeutet, sich erneut der Gefahr des Scheiterns hinzugeben. Mit seiner fiktiven Biografie „Pontius Pilatus“ geht der Autor dieses große Wagnis ein, haben wir alle doch unsere Bilder und Vorstellungen von jenem Mann, der das Volk wählen ließ zwischen dem Verbrecher Barabbas und jenem Mann, der von vielen Menschen verehrt wurde, Jesus Christus.

 

Struktur

 

Konsequent beginnt Gavran in der Kindheit des späteren Statthalters von Judäa, schildert die Prägungen durch sein großes Vorbild – den Vater; die ersten Erschütterungen – den Tod der Mutter. Gavran „zieht“ die Leserschaft hinein in die Atmosphäre des antiken Roms, hinein in die Geisteshaltungen und Ideale einer Welt, die von Kampfesgeist und heidnischen Ritualen geprägt war. Auch Pontius Pilatus will ein großer Krieger werden, der es versteht, mit dem Schwert umzugehen und für sein Reich zu kämpfen (aus Gründen seiner eigenen Herkunft will er es mit doppeltem Eifer – erfuhr er doch eines Abends von seinem Vater, ein adoptiertes Kind zu sein…). In seiner Jugend werden seine Träume wahr, Pontius wird als großer Krieger gefeiert. Eines Tages rettet er dem Kaiser das Leben, gerät ins Blickfeld des Machthabers, wird schließlich als Statthalter bestellt. Und so kommt es, wie es – der Bibel folgend – kommen muss: zur Szene mit Barabbas und Jesus von Nazareth.

 

Überraschend

 

Durch die perfekte Konstruktion von äußeren Gegebenheiten und inneren Verstrickungen, Gefühlen, Bedürfnissen, die Gavran bis zu jener weitreichend bekannten Bibelstelle hin konstruiert, werden die Nöte, Enttäuschungen und auch die Überraschung Pontius Pilatus‘ deutlich, als das Volk nicht Jesus, sondern Barabbas Gnade zukommen lässt. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur so viel: Pontius Pilatus hat sich den Ausgang dieser Szene aus diplomatischen Gründen sehr gut überlegt.

 

Qualität der dichten Erzählung

 

Gavran weiß um die Struktur gut erzählter Geschichten. So widmet er den Konsequenzen aus der Bibelstelle dreißig wichtige Seiten, die aufzeigen, wie es mit Pontius Pilatus - den die Bibel aus den Augen verliert - weiterging.


Was - allgemein, von der ersten Seite an - besonders auffällt, sind immer wieder vorkommende Absätze, die von einer derart dramatischen Allgemeingültigkeit sind, dass unweigerlich der Gedanke aufkommt, ob Gavran nicht permanent an einer großen „Parabel“ auf das Leben arbeitet – oder anders: ob Gavran nicht das allgemein Gültige des Daseins immer wieder aufspürt in den Handlungen seiner Figuren.

 

Zeitlos wie: „Die meisten meiner Altersgenossen hatten viel jüngere Eltern als ich. Jüngere Eltern waren allerdings auf Zukunft und Erfolg fixiert und konnten ihren Kindern bedeutend weniger Zeit widmen.“ Oder: „Wir machen Fehler, wenn wir die Maßstäbe anderer Menschen übernehmen. Wir machen jedes Mal einen Fehler, wenn wir nicht auf unser Herz hören.“

Könnte beides nicht gestern im Büro gesprochen worden sein?

 

Ein dichtes Gewebe von Gedanken, von wichtigen Sätzen, von dramaturgischer Konstruktion. Kein Satz zu viel und dennoch keiner zu wenig, das ist „Pontius Pilatus“ von Miro Gavran.

 

Pontius Pilatus

von Miro Gavran

Seifert Verlag GmbH, Wien

167 Seiten, gebunden, Schutzumschlag

19,90 Euro

ISBN: 978-3-902406-20-0